Alltägliche Abenteuer
Verkaufte Leser: Wie Elsevier Ärzte täuscht
Das Schmerz- und Rheumamittel Vioxx ist schon an sich ein Skandal. Statt den Patienten, die es einnahmen, ein leichteres Leben zu ermöglichen, starben mehrere von ihnen an Herzinfarkt und Schlaganfall. Der Hersteller Merck versuchte lange, diese Nebenwirkung zu vertuschen – musste sich aber schließlich dem enormen öffentlichen Druck in Gerichtsprozessen geschlagen geben.
Der Skandal liegt schon einige Jahre zurück. Doch erst jetzt kam ein weiteres Detail ans Licht: Merck hatte Helfer. In Australien erschienen überaus positive Studienergebnisse in der Fachzeitschrift “The Australasian Journal of Bone and Joint Medicine”, die jedem Arzt ein gutes Gefühl beim Verschreiben von Vioxx geben konnten. Der Titel der Zeitschrift reiht sich sprachlich in so renomierte Titel ein wie “The New England Journal of Medicine” und “The Journal of Bone and Joint Surgery”. Er ist jedoch eine Farce. Statt mehrfach geprüfter Studien stecken in dem Blatt bezahlte Beiträge von Pharmafirmen, wie The Guardian berichtete.
Der globale Wissenschaftsverlag Elsevier produzierte – über seine Tochterfirma Excerpta Medica – das Magazin mit den tödlichen Fehlinformationen. Sollten damit Gelder der Pharmafirmen abgegriffen werden, die der Verlag nie offen für seine 2.331 echten Zeitschriften hätte einstreichen können, ohne sein Gesicht zu verlieren? Elsevier bedauert in einer Stellungnahme die gesponsorten Artikel und erklärt, solche Fehler könnten nicht mehr passieren (in The Scientist). Schön und gut. Wer jedoch wie Excerpta Medica einen Wahlspruch hat, der lautet: “We partner with our clients in the pharmaceutical and biotech industries to educate the global health care community and enable them to make well informed decisions regarding treatment options.” Der muss sich auch daran messen lassen. Und Excerpta Medica hat versagt.
Eine zweite Frage könnte man sich in anbetracht dieses Slogans stellen: Warum muss sich eine Tochterfirma von Elsevier ein solches Ziel überhautp setzen? Elsevier und seine echten Fachblätter erfüllen dieses Ziel doch seit langem.
Angesichts dieses Skandals und der astronomischen Preise, die Elsevier von Forschern, Medizinern und Bibliotheken für seine Magazine verlangt, kann man nur hoffen, dass noch mehr Universitäten aus den teuren Verträgen aussteigen. Die Uni Regensburg hatte es vorgemacht. Und nicht zuletzt ist Excerpta Medica ein Beispiel, warum ich Open Access wie z.B. bei PLoS sehr begrüße. Ohne Geldfluss sinkt hoffentlich das Missbrauchsrisiko.
| Artikel drucken | Dieser Beitrag wurde von Fabian Seyfried am 12. Juni 2009 um 00:52 veröffentlicht und unter Fachjournalismus, Medizin abgelegt. Du kannst allen Antworten zu diesem Beitrag durch RSS 2.0 folgen. Du kannst eine Antwort schreiben oder einen Trackback von deiner eigenen Seite hinterlassen. |
vor 2 Jahren
Aktueller Nachtrag: Open Access scheint auch nicht die Lösung zu sein. Ein Student konnte einen völlig künstlich zusammengestellten Artikel in der OA-Zeitschrift “The Open Information Science Journal” unterbringen. (http://scholarlykitchen.sspnet.org/2009/06/10/nonsense-for-dollars/)
Immerhin wusste der Editor des Journals was er zu tun hatte: Er nahm den Hut. (http://www.newscientist.com/article/dn17303-editor-of-journal-targeted-by-hoaxers-resigns.html)
Tja, dann müssen wir halt weiter wachsam sein, was wir lesen.