Alltägliche Abenteuer
Fabian Seyfried
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Beiträge von Fabian Seyfried
Dummes, dummes CMS
12. Okt
Vor ein paar Tagen habe ich ein beeindruckendes Beispiel von intelligenter Software kennengelernt: PhotoSketch. Dieses Grafikprogramm akzeptiert gezeichnete Szenen à la Strichmännchen und versucht dann, aus dem heimischen Fundus an Fotos passende Bilder auszuwählen und sie selbstständig nach der groben Skizze zusammenzusetzen. Verblüffend! Und dabei handelt es sich nicht um die einzige Software, die erfolgreich menschliche Intentionen interpretiert. Mein Handy mit dem Betriebssystem Android bietet mir nach dem Fotografieren an, das Foto als E-Mail oder MMS zu versenden, es auf Flickr hochzuladen und mittels Twitter zu verbreiten – ohne, dass ich je einem Programm vom anderen erzählen musste.
Warum überraschen mich diese Entwicklungen so sehr? Jedes 14-jährige Kind wäre mit Sicherheit sauer, wenn es seine Handy-Fotos NICHT problemlos auf Facebook veröffentlichen könnte. Ich glaube, ich bin einfach deshalb so dankbar für jede Form künstlicher Intelligenz, weil ich zu viel Zeit mit dummen Content Management Systemen (CMS) verbracht habe.
Ein Teil Schreiben, ein Teil Programmieren
Als Online-Journalist gibt es Tage, an denen will man seine Berufsbezeichnung ändern. An solchen Tagen schreibt man vier Stunden lang an einem Artikel und hätschelt die Worte, auf dass sie einem gewogen sind. Das ist der schöne Teil. Dann folgen weitere vier Stunden, in denen man im HTML-Code formatiert, interne Verlinkungsnummern ermittelt, Bilder mit einer Software runterlädt, mit einer zweiten bearbeitet, mit der ersten ins CMS schiebt und dann schier verzweifelt, weil sie völlig vermatscht im Artikel landen – dem eigenständigen Versuch des Systems sei Dank, das Foto durch hochskalieren, runterskalieren, schärfen und rekodieren unkenntlich zu machen. Und wo muss ich jetzt das Bild-Copyright eintragen? Und warum klebt die Tabelle am rechten Rand? Warum hat das Textfeld keine Rechtschreibprüfung?
Ich jammere, entschuldigt. Aber darf man sich noch Journalist nennen, wenn man nur die Hälfte seiner Zeit mit Recherche und Schreiberei verbringt? Vielleicht sollte ich noch Setzer, Layouter, Grafiker, Web-Designer, Web-Programmierer und Administrator auf meine Visitenkarte aufnehmen.
Bevor jetzt jemand einwirft, ich würde halt mit schlechten CMS arbeiten und XYZ sei das einzig Wahre: Ich musste mich schon mit unfassbar vielen Systemen auseinandersetzen, unter anderem Joomla (und dessen Vorgänger), Typo3, YUM und mehrere selbstgestrickte Zauberkisten. Trotz der Fortschritte, die die Systeme vorzuweisen haben, erstelle ich meine Homepage immer noch per Hand im HTML-Editor.
Mein Hauptkritikpunkt ist die Usability. Mir fehlen schmerzhaft folge Features in einem CMS, die ich derzeit höchstens als selbstprogrammiertes Script verwirklichen kann:
- Copy & Paste bzw. Drag & Drop direkt aus Word-Dateien heraus. Man glaubt es nicht, wie schwer sich moderne CMS mit den Formatierungsbefehlen (Tags) von Word tun. Dabei ist es für die meisten Journalisten das Natürlichste der Welt, in Word vorzuschreiben.
- Alternativ nehme ich auch gerne eine gute Rechtschreibkorrektur und ein mehrbenutzer-freundliches “Änderungen verfolgen” im CMS.
- Drag & Drop, um Bilder hochzuladen. Und wenn ich mir anschaue, was Photoshop Express alles kann, sollte auch ein einfaches Freistellen möglich sein.
- Regelmäßige Sicherheitskopien während des Verfassens.
- Automatisches Backup alter Artikel-Versionen. Programmierer haben schon lange exzellente CVS, warum nur so wenige Content Management Systeme?
- Automatische Vorschläge, den gerade geschriebenen Artikel zu twittern, auf Facebook, im RSS-Feed oder im Newsletter zu veröffentlichen. Dabei intelligente Auswahl der Teaser, die man als Autor natürlich auch selbst festlegen darf.
Zugegeben, WordPress kommt meinen Vorstellungen schon recht nahe. Aber auch hier ließe sich beispielsweise das Bildbearbeiten noch angenehmer gestalten. Sehr interessant finde ich Posterous, den Blogging-Dienst, dem man per E-Mail Texte und Bilder schickt, und der daraus ein vernünftiges Resultat erstellt. Der Dienst, der auch noch mit allerlei anderen CMS zusammenarbeitet, erregt zumindest in der Social-Media-Szene einiges Interesse. Womöglich liegt mein Traum-CMS doch nicht mehr in allzuweiter Ferne, und ich komme auch wieder mehr zum Schreiben. *seufz*
Kundenservice bei E-Plus: Viel Schatten und ein Licht
09. Aug
Abseits der geplanten Pfade dieses Blogs, geht es heute um E-Plus und seinen Kundenservice. Ich nutze seit 2007 den Tarif Zehnsation Web, der noch immer zu den (für wenig Telefonierer wie mich) günstigsten Tarifen in der deutschen Mobilfunklandschaft zählt. Und ich bin auch noch immer zufrieden mit meiner Tarif-Wahl. Allerdings ist mir in den letzten Wochen schmerzlich bewusst geworden, wie E-Plus das günstige Angebot gegenfinanziert: Es wird an der Kundenbetreuung gespart.
Meine Geschichte beginnt vor drei Monaten mit dem Wunsch nach einem Smartphone mit gutem Webbrowser, Mail und Twitter. Da E-Plus kein vernünftiges Gerät im Angebot hatte – Windows Mobile hat mich beim Ausprobieren nicht begeistert – wollte ich meinen Vertrag kündigen und mich nach neuen Angeboten umsehen. Auf seiner Website erklärt E-Plus, kündigen könne man einfach per Fax. Naiv wie ich war, habe ich es ausprobiert – mit der Bitte, mir die Kündigung zu bestätigen. Seit Monaten warte ich auf diese Bestätigung und bin gespannt, ob mein Fax noch aus irgendeinem E-Plus-Papierkorb gekrabbelt kommt. Etliche Internetseiten und Tweets berichten von ähnlichen Problemen beim Kündigen und raten zum Einschreiben mit Rückschein.
Bevor ich jedoch zu dieser drastischen und teuren Maßnahme griff, hatte E-Plus Glück. Sie nahmen das HTC Hero ins Programm. Oder besser gesagt, HTC gekündigte an, ihr Handy würde im Juli bei E-Plus und T-Mobile zu haben sein. Das Handy gefiel mir und ich erwog die Rückkehr zu E-Plus – das ich ja offenbar eh nie rechtskräftig verlassen hatte.
Nun begann der nächste Ärger. So positiv das vierte in Deutschland erscheinende Android-Handy in der Presse bewertet wurde, so wenig wusste E-Plus mit dem Hero etwas anzufangen. Auf der Website: Kein Suchtreffer. Bei der Hotline: Ahnungslosigkeit. Nur ein Shop in der Fußgängerzone fand das Handy plötzlich als Bestelloption in seinen Unterlagen. Wann es geliefert werden würde, konnte der Mitarbeiter leider nicht sagen. Und das Gerät erst ausprobieren? Das ging nicht. Bestellt ist gekauft.
Der Juli war beinahe rum, dann entschied sich E-Plus, doch noch auf das HTC Hero aufmerksam zu machen: Mit einer überraschend begeisternden Pressemitteilung (PDF) – verglichen mit dem bis dato vorherrschenden Desinteresse. Ab dem 1. August würde man das Hero anbieten. Nur dumm, dass die E-Plus-Mitarbeiter offenbar keine Pressemitteilungen zugeschickt bekommen: Ein Shop kannte das Handy überhaupt nicht, ein zweiter offenbarte seine Abneigung, es zu bestellen. Und die Kundenhotline, die es zwei Tage nach dem vereinbarten Termin tatsächlich noch fertigbrachte, mich anzurufen, konnte ebenfalls nichts mit einem “Hero” anfangen. Auf der Homepage von E-Plus fand sich abseits des Pressebereichs immer noch kein Hinweis auf das Gerät. Das hat sich inzwischen zwar geändert, allerdings mit dem schlechtesten Marketing eines Android-Handys, das ich je gesehen habe (“5 Mpix Kamera”, “E-Mail-fähig”, “inkl. microSD-Karte”).
Nach einer Woche des Schmollens griff ich schweren Herzens wieder zum Telefonhörer, investierte die Telefongebühren und rief die Kundenbetreuung an. Und siehe da, es gibt auch kompetente und freundliche Mitarbeiter bei E-Plus. Der Herr am anderen Ende der Leitung kannte das Hero, bestellte es mir, änderte meinen Tarif entsprechend meiner Wünsche, gab gute Tipps und kannte sich – damit hatte ich überhaupt nicht mehr gerechnet – sogar mit den Journalistentarifen aus. Die Änderungen wurden mir zudem flott per Brief bestätigt.
Mein Fazit: Kündigen sollte man nur per Einschreiben mit Rückschein an E-Plus schicken. Und wenn man Änderungswünsche hat, sei jedem geraten, mehrmals bei E-Plus anzurufen, bis man einen kompetenten Mitarbeiter an der Leitung hat.
Verkaufte Leser: Wie Elsevier Ärzte täuscht
12. Jun
Das Schmerz- und Rheumamittel Vioxx ist schon an sich ein Skandal. Statt den Patienten, die es einnahmen, ein leichteres Leben zu ermöglichen, starben mehrere von ihnen an Herzinfarkt und Schlaganfall. Der Hersteller Merck versuchte lange, diese Nebenwirkung zu vertuschen – musste sich aber schließlich dem enormen öffentlichen Druck in Gerichtsprozessen geschlagen geben.
Der Skandal liegt schon einige Jahre zurück. Doch erst jetzt kam ein weiteres Detail ans Licht: Merck hatte Helfer. In Australien erschienen überaus positive Studienergebnisse in der Fachzeitschrift “The Australasian Journal of Bone and Joint Medicine”, die jedem Arzt ein gutes Gefühl beim Verschreiben von Vioxx geben konnten. Der Titel der Zeitschrift reiht sich sprachlich in so renomierte Titel ein wie “The New England Journal of Medicine” und “The Journal of Bone and Joint Surgery”. Er ist jedoch eine Farce. Statt mehrfach geprüfter Studien stecken in dem Blatt bezahlte Beiträge von Pharmafirmen, wie The Guardian berichtete.
Der globale Wissenschaftsverlag Elsevier produzierte – über seine Tochterfirma Excerpta Medica – das Magazin mit den tödlichen Fehlinformationen. Sollten damit Gelder der Pharmafirmen abgegriffen werden, die der Verlag nie offen für seine 2.331 echten Zeitschriften hätte einstreichen können, ohne sein Gesicht zu verlieren? Elsevier bedauert in einer Stellungnahme die gesponsorten Artikel und erklärt, solche Fehler könnten nicht mehr passieren (in The Scientist). Schön und gut. Wer jedoch wie Excerpta Medica einen Wahlspruch hat, der lautet: “We partner with our clients in the pharmaceutical and biotech industries to educate the global health care community and enable them to make well informed decisions regarding treatment options.” Der muss sich auch daran messen lassen. Und Excerpta Medica hat versagt.
Eine zweite Frage könnte man sich in anbetracht dieses Slogans stellen: Warum muss sich eine Tochterfirma von Elsevier ein solches Ziel überhautp setzen? Elsevier und seine echten Fachblätter erfüllen dieses Ziel doch seit langem.
Angesichts dieses Skandals und der astronomischen Preise, die Elsevier von Forschern, Medizinern und Bibliotheken für seine Magazine verlangt, kann man nur hoffen, dass noch mehr Universitäten aus den teuren Verträgen aussteigen. Die Uni Regensburg hatte es vorgemacht. Und nicht zuletzt ist Excerpta Medica ein Beispiel, warum ich Open Access wie z.B. bei PLoS sehr begrüße. Ohne Geldfluss sinkt hoffentlich das Missbrauchsrisiko.